5 Fragen an: Johannes Maurer

Das Konzept „5 Fragen an…“: Wir stellen Legal Tech Unternehmern und wichtigen Persönlichkeiten aus der Legal Tech Szene 5 Fragen rund um das Thema Studium, Legal Tech und Zukunft des Rechts!

Heute: Johannes Maurer von LEX superior 

Johannes Maurer ist Volljurist sowie Mitgründer und Geschäftsführer des Heidelberger Legal Tech-Startups LEX superior. Seit knapp 3 Jahren beschäftigt er sich parallel zum Referendariat und seiner unternehmerischen Tätigkeit vor allem mit Web-Technologien. Während dieser Zeit eignete er sich autodidaktisch verschiedene Programmiersprachen an und arbeitet inzwischen als „Coding Lawyer“ im eigenen Unternehmen an der Entwicklung von Programmen zur Digitalisierung und Automatisierung juristischer Prozesse. Für alle Technik-Interessierten: Als Technologie-Stack setzt LEX superior auf MongoDB, Express, Angular und Node.js. Im Backend kommen Go und Python zum Einsatz. Des weiteren wird konsequent auf eine Continuous Integration-Lösung mit GitLab und Docker gesetzt. Die Docker-Container werden auf der Google Cloud Plattform gehostet. Im mobilen Bereich verwendet das Team Flutter, Dart und Adobe XD.

 

  1. An welchem Legal Tech-Projekt arbeitest Du gerade?

Im Moment arbeite ich hauptsächlich an einem Programm, mit dem die in Gesetzen enthaltenen Informationen bis auf eine sehr kleinteilige Ebene ausgelesen und in einem entsprechenden Format abgelegt werden können. Konkret muss man sich das so vorstellen, dass in der Datei dann nicht nur ein Fließtext des Gesetzestextes enthalten ist, sondern sämtliche Informationen zu den Normen, Absätzen, Sätzen, Aufzählungen etc. als solche maschinell ausgelesen werden können. Das ist eine eher abstrakte Vorarbeit, die uns dann aber letztendlich ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Parallel entwickle ich ein Tool, mit dem Urteilstenorierungen samt Erklärung generiert werden können. Bei LEX superior entwickeln wir derzeit zudem unsere gleichnamige App komplett neu, was erhebliche Performanceverbesserungen und einige neue Features mit sich bringen wird. Der Re-Launch ist für den Herbst geplant.

 

  1. Warum ist Legal Tech für Studierende wichtig?

Dass Legal Tech das Thema der Stunde ist, dürfte man inzwischen auch mitbekommen haben, wenn man nur ab und zu in Fachzeitschriften blättert. Wichtig zu verstehen ist dabei, dass technische Entwicklungen exponentiell verlaufen, während die Juristerei ein Paradebeispiel für lineares Denken ist. Konkret bedeutet das, dass Legal Tech-Entwicklungen, die heute noch in den Kinderschuhen stecken, am Ende der immerhin sieben Jahre währenden Ausbildung eines heutigen Erstsemesters die Spielregeln auf dem Rechtsmarkt dramatisch verändert haben können. Zum Vergleich: WhatsApp wurde im Jahr 2009 gegründet – ein jeder, der dies liest, möge sich fragen, wann er das letzte Mal eine SMS verschickt hat. Leider bereitet einen die Ausbildung an den Universitäten und in der Justiz im Moment noch sehr unzureichend darauf vor. Letztere plant beispielsweise die verbindliche Einführung der elektronischen Akte bis 2026 und trotzdem gibt es Rufe nach Entschleunigung. Deshalb gilt es, selbst die Initiative zu ergreifen und sich schon im Studium zumindest mit den aktuellen Entwicklungen im Bereich Legal Tech auseinanderzusetzen.

 

  1. Digitalisierung und Recht – welche Entwicklungen erwartest Du auf diesem Gebiet?

Nach einem ersten großen Hype beobachte ich aktuell, dass sich das Thema Legal Tech sehr viel mit sich selbst beschäftigt. Es gibt zahlreiche Konferenzen und zunehmend auch Bücher und Fachartikel – Papier ist jedoch bekanntermaßen geduldig und seine Innovationskraft begrenzt. Persönlich denke ich, dass die Zukunft kurz- und mittelfristig vor allem in der Automatisierung wiederkehrender juristischer Prozesse liegt, die stark regelbasiert sind und deshalb keiner juristischen Wertung bedürfen. Da es sich bei vielen dieser Prozesse um Aufgaben handelt, die nicht sonderlich intellektuell ansprechend sind, aber dennoch bisher stets mühsam von Hand erledigt werden müssen, werden diese Lösungen hoffentlich auch eine größere Akzeptanz und Begeisterung für das Thema Legal Tech schaffen. Bis es eine ausgereifte Künstliche Intelligenz im Recht gibt, wird es hingegen meines Erachtens noch einige Zeit brauchen. Vorher sollten wir in Deutschland erstmal z.B. die notwendigen Trainingsdaten (Urteile, Gesetze etc.) strukturiert aufbereiten.

 

  1. Legal Tech? Da muss man doch programmieren können?

Ja, besser wäre es. In diesem Punkt vertrete ich eine andere Auffassung als das, was man sonst so dazu liest. Üblicherweise heißt es, Juristen müssten nicht selbst Programmieren können, aber in der Lage sein, sich in die Denkweise von Programmierern hineinzuversetzen, um mit diesen in Zukunft zusammenarbeiten zu können. Wie das in der Praxis dann funktionieren soll, wenn man eben gerade nichts vom Programmieren versteht, habe ich bis heute nicht verstanden. Grundkenntnisse in der Web-Entwicklung (v.a. JavaScript) halte ich daher für eine sehr wertvolle Schlüsselqualifikation, zumal man damit auch im Alltag ständig in Berührung kommt. Dafür reicht es aber gerade nicht, sich die abstrakten Grundstrukturen in einer Vorlesung angehört zu haben, sondern man muss wirklich die Rollläden runterlassen, in die Tasten hauen und selbst etwas programmieren. Für den Einstieg gibt es im Internet zahlreiche Online-Tutorials und neuerdings bietet ja auch ihr vom Legal Tech Lab Frankfurt am Main das Tutorium „Coding for Law Students“ an. Das ist eine sehr gute Sache und erleichtert den Einstieg ungemein.

 

  1. Wie wird man eigentlich Legal Tech-Unternehmer?

Eins vorneweg: Man kann das nicht studieren. Juristen sind es ja sonst gewohnt, fleißig auf die Examina hinzuarbeiten, um dann im besten Fall mit einer entsprechenden Punktzahl den gewünschten Job zu bekommen. Als Unternehmer muss man hingegen vom ersten Moment an selbst die Initiative ergreifen und etwas Neues erschaffen. Von Zeugnisnoten kann man sich dabei erstmal recht wenig kaufen – andererseits muss man sich aber auch gegenüber niemandem dafür rechtfertigen. Wahr ist allerdings auch, dass man speziell im Legal Tech-Markt neben einer innovativen Geschäftsidee auch ein juristisches Verständnis mitbringen sollte. In letzter Zeit höre ich im Gespräch mit Anwälten übrigens öfters, dass sie gegenüber Legal Tech-Angeboten, hinter denen nicht mindestens ein gestandener Jurist mit beiden Examina steht, Vorbehalte hätten. Es lohnt sich also nach wie vor, den langen Weg zum Volljuristen zu beschreiten, auch wenn man danach Legal Tech-Unternehmer werden möchte. Der beste Zeitpunkt zur Gründung ist aus meiner Sicht nach dem 1. Examen. Die Entscheidung für die Zeit bis zum Referendariat sollte in Zukunft lauten: Promotion, LL.M. oder Legal Tech?

 

Vielen Dank für dieses Gespräch Johannes!

5 Fragen an: Tamay Schimang

Tamay Schimang ist Rechtsanwalt und Mitgründer der streamlaw GmbH sowie des Legal Technology und Innovation Forum Frankfurt. Streamlaw berät Unternehmen und Rechtsabteilungen bei Digitalisierungsfragen und verfolgt eigene Legal Tech-Projekte. Er beschäftigt sich insbesondere mit Legal Design, anwaltlichem Projektmanagement und der Modellierung juristischer Prozesse. Ab dem SoSe 2018 bietet er gemeinsam mit Michael Grupp und Henrik von Wehrs an der Goethe-Universität die Schlüsselqualifikation „Legal Technology und Innovation“ an. Das Legal Tech Lab Frankfurt am Main hat Herrn Schimang 5 Fragen zum Thema Legal Tech und dem Jura-Studium gestellt.

 

1. Legal Tech in eigenen Worten: was bedeutet Legal Tech aus Ihrer Sicht?

Auch wenn Anwälte in der Regel für jeden Lebenssachverhalt eine Definition suchen, halte ich mich beim Begriff Legal Tech mit einer allgemeingültigen Definition zurück. Unter dem Begriff werden viele IT-Lösungen zusammengefasst, denen das Attribut „Legal“ vor allem aufgrund ihrer Verwendung im Kontext juristischer Tätigkeit zugesprochen wird, weniger aufgrund ihrer spezifisch juristischen Ausprägung.
Für mich steht „Legal Tech“ als Synonym für den Prozess der Digitalisierung in der Juristerei und umfasst damit vor allem die (Neu-)Definition von Arbeitsschritten für eine digitale juristische Arbeitsweise. Das ist leider sehr unscharf, aber komplexen Zusammenhängen kann man manchmal leider keinen einheitlichen Namen geben. Als Sammelbegriff hierfür hat sich „Legal Tech“ inzwischen aber gut etabliert.

 

2. Scheinfrei werden und dann so schnell wie möglich in die Examensvorbereitung. Lohnt sich überhaupt, zusätzlich noch Zeit für andere Themen, wie Legal Tech, aufzubringen?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Auch früher konnten sich fachliche Inselbegabte mit hervorragenden Noten die für die Berufsausübung erforderlichen nicht-juristischen Fähigkeiten im Berufsalltag erarbeiten. Das Problem bei der Digitalisierung des Rechtsmarkts ist jedoch, dass es einerseits unklar ist, ob und in welchem Ausmaß es z.B. im Jahr 2022 noch „Ausbildungstätigkeiten“ in Kanzleien geben wird. Andererseits bietet sich gerade für Studierende, die sich früh mit Digitalisierung beschäftigen die Chance, neue Wege zu begehen.
Meine persönliche Meinung ist: Schaut nach links und rechts und beschäftigt Euch mit juristischen Berufsbildern und dem Wandel, dem sie unterliegen. Das kann man z.B. hervorragend am Schlüsselqualifikationszentrum der Uni Frankfurt! Das entschuldigt aber keinesfalls, seine Rechtskenntnisse zu vernachlässigen!

 

3. Legal Tech? Da muss man doch programmieren können?

Nö.
Man sollte verstehen, wie juristische Arbeit funktioniert und wie sich die beratende Tätigkeit in die Geschäftsprozesse des Mandanten integrieren lässt. Verständnis von Software, ihrer Architektur und auch Programmiersprachen ist sicher nicht hinderlich. Aber viel wichtiger ist, dass man als juristischer Experte mit Software-Entwicklern, Designern und anderen Professionen eine gemeinsame Sprache für eine interdisziplinäre und gleichberechtigte Zusammenarbeit findet. Das kann für uns Juristen deutlich schwieriger sein, als Programmieren zu lernen…

 

4. Sie stehen am Anfang Ihres Jura Studiums: Würden Sie etwas anders machen als damals? Wenn ja, was wurden Sie heute anders machen als damals?

Das Legal Tech Lab gründen!

 

5. Wenn Sie sich heute ein Legal Tech Produkt wünschen könnten, welches wäre dies dann?

Ich wünsche mir weniger, dass ein bestimmtes Produkt auf den Markt kommt. Vielmehr freue ich mich darauf, dass sich das Mindset von Juristen langsam zu ändern beginnt. Wir dürfen als Innovatoren nicht nur an die Kraft der Technik glauben, sondern grundlegend über Arbeitsweisen und zu lösende Probleme nachdenken. Ein Beispiel: Häufig lösen Anwälte mit hervorragenden Rechtskenntnissen und höchst eloquent ein rechtliches Problem eines Mandanten. Ob dies jedoch der Geschäftstätigkeit des Mandaten mittel- bis langfristig nützt, ist eine andere Frage. Und genau hier müssen wir besser werden. Rechtsberatung ist nicht nur die Beratung im Einzelfall (auch wenn das so im Rechtsdienstleistungsgesetzt steht), sondern kann auch die Mitarbeit an einem nachhaltigen Strukturwechsel beinhalten.
Es wäre natürlich deutlich leichter, sich auf Legal Tech Produkte zu verlassen und im Übrigen weiterzumachen, wie bisher. Aber auch hier gilt: Auf komplexe Probleme gibt es leider zumeist keine einfachen Antworten. Insofern sollten wir uns schon etwas mehr anstrengen…

 

Herr Schimang, wir danken Ihnen für dieses Interview!