Bericht zum Commerzbank Stammtisch 16. Januar 2019

von Helena Lor

Am Mittwoch dem 16.01.2019 haben wir uns in den Räumlichkeiten der Commerzbank eingefunden, um einen Einblick in die Rechtsabteilung und ihre Legal Tech Tools zu erhalten.

Begonnen wurde mit einem Vortrag von Frau Berman, der die Thematik rund um den Syndikusrechtsanwalts und seine Vollwertigkeit als Jurist behandelt.

Seit 2016 gehört ein Syndikusrechtsanwalt (Anwälte, die bei nichtanwaltlichen Arbeitgebern eingestellt sind) zu der Berufsgruppe der Rechtsanwälte, womit ihm alle anwaltlichen Berufsrechte und -pflichten zustehen.

Weiter ging es mit einer Einführung in das Programm DOTi. Die Rechtsabteilung der Commerzbank erstellt durch das Programm die für die Vermarktung bzw. den Verkauf von bestimmten Finanzprodukten notwendigen rechtlichen Dokumente (z.B. Risikoinformationen). Die Anforderungen für die Erstellung des Tools DOTi waren zum einen die Wiederverwendung, das Komponenten Management (Verbesserung der Inhalte und sichere Verwendung) und die Trennung von Text, Format und Daten. Durch die große technische Flexibilität verlangt das Tool ein neues Aufgaben- und Zusammenarbeitsmodell. Die reibungslose Zusammenarbeit wird gewährleistet, indem Regeln gefunden und durchgesetzt werden, die bei der Ordnung und Verwaltung der Inhalte eingehalten werden müssen. Außerdem lassen sich Bedürfnisse der Fachabteilungen anpassen, wenn die Kommunikationsstrukturen einander entsprechen. Vorteile dieses Tools sind die Verringerung der Routinearbeit, hohe Transparenz und anspruchsvollere Aufgaben. Allerdings ist DOTi noch nicht vollautomatisiert und befindet sich noch in der Entwicklung, um auch andere Bereiche einbinden zu können.

Zuletzt wurde das CMS: FPE-Tool vorgestellt (Einsatz von Fremdpersonal). Dieses Tool ist wie ein Entscheidungsbaum aufgebaut. Ein Mitarbeiter beantwortet die Fragen, um dann die rechtliche Zulässigkeit eines externen Beraters zu erhalten. Der Vorteil, der sich hier bietet, besteht darin, dass Kosten und Zeit gespart werden und die Prüfung auch nicht von einem Juristen vorgenommen werden muss. Es steigert also auch die Effizienz. Darüber hinaus ist jeder externe Berater anklickbar und rechtliche Bewertungen und Urteile werden angezeigt, denn die Software beinhaltet die aktuelle Rechtsprechung.

Im Anschluss an den Vortrag führten uns zwei Mitarbeiterinnen durch den Commerzbank Tower und erklärten uns die Struktur und die Besonderheiten des Gebäudes. Eine Besonderheit ist die Mitte des Towers, diese liegt frei, sodass Kabel und Leitungen sich in den Ecken befinden. Zudem gibt es drei Gärten, die sich jeweils über drei Etagen erstrecken, um die Büros, die keine Klimaanlagen enthalten mit Frischluft zu versorgen und den Mitarbeitern einen grünen Ort zum Entspannen zu bieten.

Wir bedanken uns recht herzlich bei den Mitarbeitern der Commerzbank für den Vortrag und den Rundgang durch den Commerzbank Tower. Vielen Dank für Ihre Mühe und Zeit!

 

Über die Autorin: Helena Lor studiert im 5. Semester Jura an der Goethe-Universität und ist seit letztem Jahr Mitglied im Legal Tech Lab. Sie kümmert sich im Legal Tech Lab um den Newsletter und Berichte. 

5 Fragen an: Tamay Schimang

Tamay Schimang ist Rechtsanwalt und Mitgründer der streamlaw GmbH sowie des Legal Technology und Innovation Forum Frankfurt. Streamlaw berät Unternehmen und Rechtsabteilungen bei Digitalisierungsfragen und verfolgt eigene Legal Tech-Projekte. Er beschäftigt sich insbesondere mit Legal Design, anwaltlichem Projektmanagement und der Modellierung juristischer Prozesse. Ab dem SoSe 2018 bietet er gemeinsam mit Michael Grupp und Henrik von Wehrs an der Goethe-Universität die Schlüsselqualifikation „Legal Technology und Innovation“ an. Das Legal Tech Lab Frankfurt am Main hat Herrn Schimang 5 Fragen zum Thema Legal Tech und dem Jura-Studium gestellt.

 

1. Legal Tech in eigenen Worten: was bedeutet Legal Tech aus Ihrer Sicht?

Auch wenn Anwälte in der Regel für jeden Lebenssachverhalt eine Definition suchen, halte ich mich beim Begriff Legal Tech mit einer allgemeingültigen Definition zurück. Unter dem Begriff werden viele IT-Lösungen zusammengefasst, denen das Attribut „Legal“ vor allem aufgrund ihrer Verwendung im Kontext juristischer Tätigkeit zugesprochen wird, weniger aufgrund ihrer spezifisch juristischen Ausprägung.
Für mich steht „Legal Tech“ als Synonym für den Prozess der Digitalisierung in der Juristerei und umfasst damit vor allem die (Neu-)Definition von Arbeitsschritten für eine digitale juristische Arbeitsweise. Das ist leider sehr unscharf, aber komplexen Zusammenhängen kann man manchmal leider keinen einheitlichen Namen geben. Als Sammelbegriff hierfür hat sich „Legal Tech“ inzwischen aber gut etabliert.

 

2. Scheinfrei werden und dann so schnell wie möglich in die Examensvorbereitung. Lohnt sich überhaupt, zusätzlich noch Zeit für andere Themen, wie Legal Tech, aufzubringen?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Auch früher konnten sich fachliche Inselbegabte mit hervorragenden Noten die für die Berufsausübung erforderlichen nicht-juristischen Fähigkeiten im Berufsalltag erarbeiten. Das Problem bei der Digitalisierung des Rechtsmarkts ist jedoch, dass es einerseits unklar ist, ob und in welchem Ausmaß es z.B. im Jahr 2022 noch „Ausbildungstätigkeiten“ in Kanzleien geben wird. Andererseits bietet sich gerade für Studierende, die sich früh mit Digitalisierung beschäftigen die Chance, neue Wege zu begehen.
Meine persönliche Meinung ist: Schaut nach links und rechts und beschäftigt Euch mit juristischen Berufsbildern und dem Wandel, dem sie unterliegen. Das kann man z.B. hervorragend am Schlüsselqualifikationszentrum der Uni Frankfurt! Das entschuldigt aber keinesfalls, seine Rechtskenntnisse zu vernachlässigen!

 

3. Legal Tech? Da muss man doch programmieren können?

Nö.
Man sollte verstehen, wie juristische Arbeit funktioniert und wie sich die beratende Tätigkeit in die Geschäftsprozesse des Mandanten integrieren lässt. Verständnis von Software, ihrer Architektur und auch Programmiersprachen ist sicher nicht hinderlich. Aber viel wichtiger ist, dass man als juristischer Experte mit Software-Entwicklern, Designern und anderen Professionen eine gemeinsame Sprache für eine interdisziplinäre und gleichberechtigte Zusammenarbeit findet. Das kann für uns Juristen deutlich schwieriger sein, als Programmieren zu lernen…

 

4. Sie stehen am Anfang Ihres Jura Studiums: Würden Sie etwas anders machen als damals? Wenn ja, was wurden Sie heute anders machen als damals?

Das Legal Tech Lab gründen!

 

5. Wenn Sie sich heute ein Legal Tech Produkt wünschen könnten, welches wäre dies dann?

Ich wünsche mir weniger, dass ein bestimmtes Produkt auf den Markt kommt. Vielmehr freue ich mich darauf, dass sich das Mindset von Juristen langsam zu ändern beginnt. Wir dürfen als Innovatoren nicht nur an die Kraft der Technik glauben, sondern grundlegend über Arbeitsweisen und zu lösende Probleme nachdenken. Ein Beispiel: Häufig lösen Anwälte mit hervorragenden Rechtskenntnissen und höchst eloquent ein rechtliches Problem eines Mandanten. Ob dies jedoch der Geschäftstätigkeit des Mandaten mittel- bis langfristig nützt, ist eine andere Frage. Und genau hier müssen wir besser werden. Rechtsberatung ist nicht nur die Beratung im Einzelfall (auch wenn das so im Rechtsdienstleistungsgesetzt steht), sondern kann auch die Mitarbeit an einem nachhaltigen Strukturwechsel beinhalten.
Es wäre natürlich deutlich leichter, sich auf Legal Tech Produkte zu verlassen und im Übrigen weiterzumachen, wie bisher. Aber auch hier gilt: Auf komplexe Probleme gibt es leider zumeist keine einfachen Antworten. Insofern sollten wir uns schon etwas mehr anstrengen…

 

Herr Schimang, wir danken Ihnen für dieses Interview!

Haben Jura-Studierende einen Anspruch auf Digitalisierung?

„Hat A gegen B einen Anspruch auf Schadensersatz?“ 

So oder in ähnlicher Formulierung ist diese Fragestellung bereits hunderttausenden Jura-Studierenden begegnet. An unzähligen Fallvariationen müssen Ansprüche geprüft und die Ergebnisse in einem juristischen Gutachten festgehalten werden. Um zu einer zufriedenstellenden Lösung zu gelangen, müssen die passenden Gesetze auf die entsprechenden Umstände im Einzelfall angewandt werden. Während sich die Gesetze und Fallkonstellationen mit dem Fortschreiten der Zeit und dem Aufkommen neuer Technologien verändern, bleibt das juristische Handwerkzeug immer dasselbe: Identifizieren der zentralen Probleme und das Subsumieren eines Sachverhaltes unter die derzeit geltenden Gesetze.

Die Digitalisierung verändert als weltweites Phänomen nahezu jedes Arbeitsumfeld. An vielen Stellen können Aufgaben, die bisher von Menschenhand erledigt wurden, nun von Maschinen oder Programmen ausgeführt werden. Digitalisierung beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Ersetzen menschlicher Tätigkeiten, sondern schafft Raum für neue Geschäftsmodelle und Produkte. Computer und das Aufkommen des Internets veränderten auch den juristischen Arbeitsalltag. Ein gutes Beispiel sind die populären Datenbanken wie Beck Online oder Juris, die heute nicht mehr aus dem Alltag eines Juristen wegzudenken sind.

Trotz allem sind Juristen bisher unter dem Radar der Digitalisierung geflogen. Das lag im Wesentlichen daran, dass die Kernkompetenzen der juristischen Arbeit lange Zeit nicht bzw. kaum digitalisierbar waren. In Zeiten des Fortschreitens von Entwicklungen wie künstlicher Intelligenz und intelligenten Chat-Bots werden jedoch auch diese zentralen Kompetenzen der juristischen Arbeit angreifbar, oder besser gesagt entwickelbar.

Jura-Studierende in Deutschland haben im Laufe des universitären Studiums nur wenige Berührungspunkte mit der Zukunft des Rechtsmarktes und der Digitalisierung. Allerdings werden diese am stärksten von ihr betroffen sein. Aus unserer Sicht stellt sich daher die Frage: Haben Jura-Studierende einen Anspruch auf Digitalisierung und die Vorbereitung auf die Zukunft des Rechtsmarktes?

Der englische Rechtsprofessor Richard Susskind hat in mehreren Büchern den grundlegenden Wandel des Anwaltsmarktes durch IT und Digitalisierung vorhergesagt. Glaubt man Christian Wolf, einem deutschen Rechtsprofessor aus Hannover, beginnt dieser Wandel langsam aber sicher Wirklichkeit zu werden. Sind Anwälte also vom Aussterben bedroht? Verlieren sie schon bald ihre Jobs an intelligente Systeme wie IBM Watson oder Amazons Alexa?

Das Denken und Argumentieren in solchen Extremen führt in der gesamten Debatte um die Zukunft des Rechts und der Rechtsanwendung zu keinem nennenswerten Mehrwert. Die Anwälte sind (vorerst) weder vom Aussterben bedroht, noch werden sie komplett ersetzt. Genauso unwahr ist jedoch auch die Aussage, dass sich nichts großartig verändern wird. Unbehelligt einfach so weitermachen wie bisher wäre also falsch. Wer immer noch glaubt, dass diese Veränderungen nicht wirklich radikal und tiefgreifend sein werden, dem empfehlen wir einen Blick in die Studie der Boston Consulting Group gemeinsam mit der Bucerius Education „How Legal Technology will change the Business of Law“. Diese Studie ist frei im Internet abrufbar. Wer jetzt denkt: „In Studien wurde schon viel vorhergesagt, was letztendlich nie so eintrat“, dem kann nur Recht geben werden! Die Ersteller einer Zukunftsstudie wie dieser haben keine Kristallkugel im Büro stehen und beschwören auch keine Orakel (die benannte Studie sollten natürlich auch nicht als Orakel missverstanden werden!).

Wir sollten diese Studien aber sehr genau untersuchen und uns fragen, ob wir den dort beschriebenen Veränderungen deshalb ihre Glaubwürdigkeit absprechen, weil wir Angst vor ihnen haben und sie noch nicht vollständig verstehen.

Angst und Unverständnis müssen überwunden und es muss dringend damit begonnen werden, diese Veränderungen zu verstehen. Auch wenn sich die Dinge womöglich nicht genau so entwickeln werden, wie in der zitierten Studie beschrieben: Zukünftige Juristen müssen wissen, was derzeit in ihrem späteren Arbeitsumfeld geschieht.

Die Digitalisierung und Entwicklungen in der IT werden eine Welle produzieren, die den Rechtsmarkt und die Art der anwaltlichen Arbeit treffen wird. Warum sollten wir nicht lernen auf der Welle, die auf uns zukommt, zu reiten?

Die Universitäten sollten ihren Studierenden die Möglichkeit bieten, sich auf die tiefgreifenden Änderungen des zukünftigen Rechtsmarktes einzustellen. Es wird höchste Zeit, dass die juristische Ausbildung sich nicht nur auf fachliche Aspekte bezieht, sondern sich für die handfesten praktischen Herausforderungen ihrer Studierenden öffnet.

Haben wir Jura-Studierende also einen Anspruch auf Digitalisierung? Wir meinen: Ja!

 

Von Jan-Henrik Busch und Philipp Neumer